e.dition m/a/i
 M.J.M. Bijvoet: Kunst-Forschung 0 Einleitung 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 Schluß Quellen

Zweiter Teil

Kapitel 4

Hans Haacke: System-Künstler

Hans Haacke und Jack Burnham: Ideenaustausch

Hans Haacke war der einzige Künstler, der den Systemansatz bewußt sowohl praktisch als auch theoretisch angewandt hat. Die Geschichte seiner Entwicklung belegt das von der verhältnismäßig einfachen Ebene bishin zu vielschichtigen Untersuchungsgegenständen.
    Hans Haacke spielt eine besondere Rolle bei der Entfaltung von Jack Burnhams Systemvorstellungen. Für Jack Burnham stellt Haackes Arbeit ein erstrangiges Beispiel dar, das seine "Systemästhetik" stützt. Hans Haacke und Jack Burnham begegneten sich 1962 an der Temple University in Philadelphia, zu einer Zeit als der Künstler noch an Stahl- und Glaskonstruktionen arbeitete, die Burnham für "sehr optisch, kalt und präzise - interessant und zeitgemäß -, aber ohne den Funken sinnlicher Verspieltheit" hielt, weshalb er Haacke -als einen "zurückhaltenden und mitleidslosen Techniker" betrachtete[151]. Er sollte diese Meinung bald nachdem er Haacke persönlich traf ändern. In einem Interview mit Jeanne Siegel bemerkte Haacke über ihre frühere Beziehung: "Wir stehen seither in Verbindung und hatten einen überaus fruchtbaren Ideenaustausch. Jack war es, der mich mit der Systemanalyse bekanntgemacht hat..." Im selben Interview fährt er fort: "Irgendwann '65 oder '66 erhielt ich eine Einführung in das Systemmodell. Ich hörte von der Systemanalyse und den verwandten Feldern des 'operational research', der Kybernetik, usw. Die Konzepte, die auf diesen Gebieten benutzt wurden, schienen auf mein eigenes Tun anwendbar zu sein, und es gab eine nützliche Terminologie, die es treffender zu beschreiben schien als die Begrifflichkeit, die ich und andere Leute bis dahin verwandt haben. Folglich bediente ich mich ihrer. Aber die Verwendung einer neuen Begrifflichkeit bedeutet nicht, daß das beschriebene Werk sich verändert hat. Ein neuer Begriff ist nicht heilig; er kann als gemeinsames Schild dienen. Andererseits kann eine klare Terminologie helfen, das Denken anzuregen."[152] Im Verlauf der nächsten zwanzig Jahre verfolgte Burnham nicht nur Haackes Entwicklung als Künstler; die beiden festigten auch ihre Freundschaft, wobei der Publizist und der Künstler in ihren Kunsttheorien gegenseitig Gewinn aus den Ideen des jeweils anderen zog. Während Burnham sich anschickte, sein Modell der neuen Richtungen in der Skulptur als système d'art auszuformulieren, begann Haacke, mit Wasser, Wind, Licht, Wärme, Kälte zu arbeiten, um bestimmte Vorgänge unter vorherbestimmten Bedingungen sichtbar zu machen. Dabei handelte es sich um die Kondensationskästen, einfache Kästen aus Plexiglas, in denen der Betrachter einen ständigen Kreislauf der Verdunstung, der Kondensation, des Fallens von Wassertropfen beobachten konnte. Die vorherrschenden zyklischen Veränderungen hingen in erster Linie von äußeren Licht- und Wärmequellen ab. Der Prozeß wie auch die Ergebnisse standen mit den Umweltbedingungen in einem Wechselverhältnis. Sie bildeten ein "Beziehungssystem in Aktion". Zwischen 1962 und 1964 geschaffen, waren sie die ersten Stücke, in denen natürliche Phänomene und Gesetze dazu verwandt wurden, um Analogien zur Natur darzustellen.[153] Wind, Luft, Wärme, Kälte bildeten in den frühen sechziger Jahren die hauptsächlichen Materialien des Künstlers, zu denen sich während der zweiten Hälfte der sechziger Jahre sogenannte biologische Systeme hinzukamen. 1967 machte Haacke Grass Cube, einen Kubus aus durchsichtigem Plexiglas, auf dessen Oberseite in einer Erdschicht Gras wuchs. Auf der Earth Art Ausstellung in Ithaka, N.Y. 1969 stellte er unter dem Titel Grass Grows einen konischen Erdhügel mit einem Durchmesser von drei und einer Höhe von einem Meter vor, auf dem eine schnellwachsende Winterroggensorte vermischt mit langsam wachsenden Roggen ausgesät war. Haacke stellte sich vor, daß der Roggen im Inneren im Verlauf der Ausstellungzeit sehr rasch wachsen würde, so daß er am Ende der Ausstellung seinen Wachstumsszyklus zusammen mit dem Winterroggen aufgrund der Bedingungen des Innenraums vollendet haben würde. Draußen hatte er ein Seil in der Nähe eines Wasserfalls gespannt, so daß es Wassertropfen aus der Luft auffangen würde. Im Winter sollte das gefrierende Wasser des Spray of Ithaca Falls eine zunehmende Schicht aus Eiszapfen bilden, bis sie zu schwer oder die Temperatur ansteigen würde und die Schmelze einsetzte. Nach der Bedeutung dieser Stücke gefragt, erklärte Haacke während eines Symposiums, das zur Earth Art-Ausstellung veranstaltet wurde: "Ich bin mehr an dem Wachsen der Pflanzen interessiert - Wachstum als eine Erscheinung außerhalb des Gebietes der Formen, der Komposition usw., das mit der Wechselwirkung der Kräfte, der Energie und der Information zu tun hat."[154]
    Einige der gelungensten Anstrengungen, die Haacke unternommen hat, wurde in jenen Jahren außerhalb des Galerieraums gezeigt. Sie umfaßten seinen Rain Tree, einen Baum, von dem Tropfen ein Muster aus Wasser erzeugten; Sky Line, ein Nylonfaden, der von hunderten weißer, heliumgefüllter Ballons in der Luft gehalten wurde; ein Wetterballon, der auf einem Luftstrom balanciert wurde; und ein großes Zelt aus Nylon mit Luftkammern, wodurch es dreißig Zentimeter über dem Boden gehalten wurde. Als Kunstexperimente besaßen die frühen Systeme eine beschränkte Lebensdauer. Ihre Funktion als Systeme bestand im Austausch von Energie mit der Umwelt und der Wechselwirkung mit den Umweltbedingungen, die nur zum Teil vom Künstler gesteuert wurden und bisweilen vom Publikum. In seiner Installation Photo-Electric Viewer Programmed Coordinate System (1968) wurden Infrarot-Projektoren, photoelektrische Zellen oder weiße Glühlampen entsprechend der Stellung der Zuschauer im Raum an- und ausgeschaltet; sie schufen eine "responsive Umgebung", die sich mit der Zahl und Bewegung der Zuschauer ständig veränderte.[155]
    Mit Bezug auf Bertalanffy hat Haacke seine Definition eines Systems erklärt: "Ein System ist ganz allgemein definiert als eine Menge von Elementen, die einem gemeinsamen Plan oder einer gemeinsamen Absicht unterliegen. Diese Elemente oder Komponenten interagieren in Richtung auf ein gemeinsames Ziel. Die Trennung der Elemente voneinander führt zur Zerstörung des Systems. Der Begriff wurde ursprünglich in der Naturwissenschaft verwandt, um das Verhalten physikalisch interdependenter Vorgänge zu verstehen. Er erklärt Erscheinungen einer gerichteten Veränderung, Wiederholung und -herstellung und Gleichgewicht. Nach meinem Dafürhalten sollte der Begriff des Systems Skulpturen vorbehalten sein, in denen eine Übertragung von Energie, Material oder Information stattfindet und die nicht von einer Deutung der Wahrnehmung abhängen. Ich benutze das Wort 'Systeme' ausschließlich für Sachen, die nicht Systeme im wahrnehmungsbezogenen Sinn sind, sondern physische, biologische oder soziale Ganzheiten, die, wie ich glaube, wirklicher sind als Wahrnehmungsreize."[156] Jack Burnhams Systemansatz als ein Mittel der Analyse und Hans Haackes eigene Beschreibung und Deutung seines Werks in der systemtheoretischen Begrifflichkeit wirkten nahezu wie eine symbiotische Beziehung, in der die eine Seite die andere nährt. Auf der einen Seite erlaubte es der Systemansatz mit der ihn begleitenden Sprache eine buchstäbliche Deutung, nach der Haacke gesucht hatte, jenseits formalistischer und phänomenologischer Beschreibungen und metaphorischen und symbolischen Mehrdeutigkeiten. Andererseits schloß er den Begriff des Zusammenhangs ein. Für Haacke bedeutete Kontextualisierung eine Erweiterung des Kunstwerks, das die es umgebenden räumlichen Gesichtspunkte der Umwelt, der Zeit, des Wechsels und des Prozesses, sowie gesellschaftliche und politische Elemente einbezieht. All dies umfaßte außer der Untersuchung der Aufgaben der Kunst und der Struktur der Kunstwelt die Erforschung der allgemeinen sozialen und ökonomischen Bedingungen, die damit verbunden waren. Es ist offensichtlich, daß eine formale Beschreibung von Haackes Werk unzureichend wäre; nur eine Deutung, die all diese verschiedenen Aspekte als miteinander verbundene Elemente einbezieht, könnte ihm gerecht werden. Der allgemeine Systemansatz, der dabei war, sich durchzusetzen, schien gerade zur rechten Zeit zu kommen.

Haackes Biologische Systeme

Hans Haacke wurde 1936 in Köln geboren. Er studierte Graphik und Malerei in Kassel und zog 1960 nach Paris um, wo er zwei Jahre blieb und, unter anderen, Yves Klein begegnete. Er machte sich außerdem mit den Aktivitäten von G.R.A.V. (Groupe des Recherches d'Art Visuel) und ZERO bekannt. Ein anderer Künstler, dessen Werk ihn beeindruckte, war Takis, der mit Magnetfeldern und elektrischer Energie/Kräften umging. 1962 ging er als Fulbright Stipendiat in die Vereinigten Staaten. In den folgenden Jahren nahm er an verschiedenen Ausstellung zur kinetischen Kunst, sowie der Gruppen ZERO und NUL in Europa teil.[157] Eine größere Veränderung der Richtung vollzog sich 1963, als Haacke seine ersten Versuche mit Luftströme und Flüssigkeiten durchführte, die zu den Kondensationskisten führten. Nach 1965 nahm Haacke an zahlreichen Ausstellungen teil, von denen eine jede von einen anderen Ausgangspunkt ausging. Man sollte das nicht als Zeichen der Widersprüchlichkeit bei Haacke interpretieren, als ob er in der vielseitigen Kunstwelt stets eine andere Stellung eingenommen hätte. Wie viele Künstler jener Zeit haßte er es, daß seine Arbeiten mit einem Etikett versehen wurde. Während seine frühen Kunstwerke der kinetischen Bewegung verbunden waren, ordnete man seine späteren Werken unter Minimal Art, Arte Povera, Art and Technology, Land oder Earth Art, Air Art, Process Art und Konzeptkunst ein. Die Kondensations-Plexiglas-Kuben besaßen in der Tat etwas Minimalistisches. Ihr Ziel war offenbar davon völlig verschieden. In Wirklichkeit wollte er sich von dem minimalistischen Stigma freimachen, das ihm einige Kritiker seinem scheinbar neutralen Material und seinen Formen auferlegt hatten Wie er erklärt: "Ein sehr bedeutsamer Unterschied zwischen dem Werk der minimalistischen Bildhauer und meinem besteht darin, daß jene in der Trägheit interessiert sind, während mich die Veränderung beschäftigte. Das Konzept der Veränderung war von Anfang an die ideologische Grundlage meiner Arbeit. Nirgendwo gibt es darin etwas Feststehendes ... nichts, das sich nicht veränderte oder nicht wirklichen Wandel erzeugen würde. Die meisten minimalistischen Arbeiten vernachlässigen die Veränderung. Die Dinge wollen unbeweglich dastehen, statisch, regungslos über die Zeit hinaus. Aber der Status quo ist ein Trugbild, eine politisch gefährliche Illusion."[158]
    Während somit Haacke seine Arbeiten als  aus vielschichtigen Gruppen unter verschiedenen Gesichtspunkten in verschiedenen Beziehungen zusammengesetzt ansah, verengten die Organisatoren von Ausstellungen ihren Blick auf einen besonderen Aspekt des Kunstwerks, um es in den Rahmen ihrer Schau einzufügen - ob es nun die materiellen oder formalen Seiten betrifft oder das Verfahren oder die Elemente des Konzepts. Hans Haacke nahm an allen bedeutenden Kunst-und-Technologie-Ausstellungen teil oder wurde wenigsten dazu eingeladen, obwohl sein Werk nicht unmittelbar der Bewegung verbunden war: The Machine as Seen at the End of the Mechanical Age; Software; Information; Art & Technology. Er arbeitete nie wirklich mit Technikern oder Wissenschaftlern zusammen, holte aber ihren Rat ein, wenn es nötig war - und gab einmal zu, daß er von einer besseren technischen Ausbildung profitiert hätte. Selbstverständlich fand man Haacke in Ausstellungen, deren Ausgangspunkt die Verwendung natürliche Medien wie Luft und Erde war und abstrakte Konzepte wie Raum und Idee und schließlich die gesellschaftlichen Implikationen seiner Arbeit. Der Zwischenraum zwischen Natur und Technologie war nach seinem Dafürhalten künstlich [man-made] und er hegte die Meinung, daß "die Funktion der einen wie der anderen mit denselben konzeptuellen Modellen beschrieben werden kann und daß beide offensichtlich den gleichen Regeln und Gesetzen gehorchten. Es scheint auch, als folgte die gesellschaftliche Organisation dem gleichen Weg. Die Welt zerfällt nicht in ordentliche Universitätsabteilungen. Sie bildet ein Übersystem mit unzähligen Subsystemen, von denen das eine mehr oder weniger vom anderen beeinflußt wird. In einem großen Überblick läßt sich die Welt in drei oder vier Kategorien teilen - die physikalische, die biologische, die gesellschaftliche und die verhaltensmäßige -, jede in Wechselwirkung mit den anderen."[159]
    Seit den frühen siebziger Jahren nahm Hans Haackes Werk eine größere Wendung in Richtung auf die Erforschung sozialer oder wirtschaftlicher Verflechtungen und ihre besondere Aufgabe als Vermittler von Machtstrukturen. Mit Gallery-Goers' Birthplace and Residence Profile in der Howard Wise Gallery, New York, im November 1969 bewegte sich das Zentrum seiner Aktivitäten hin zu der Untersuchung sozio-ökonomischer Systeme.[160] Besucher wurden gebeten, ihren Geburtsort und ihren gegenwärtigen Wohnsitz mit Nadeln auf große Karten von New York City und Umgebung innerhalb eines Radius von achtzig Kilometern zu markieren. Eine ausgedehntere Fassung dieser Arbeit mit Photos von den angezeigten Orten wurde danach in der Paul Maenz Galerie in Köln gezeigt. Das Ergebnis der Untersuchung zeigte, daß das kunstinteressierte Galerie-Publikum sich weitgehend auf bestimmte, zumeist wohlhabene Gegenden (z.B. die Upper West Side und der Loft Bezirk mit den Künstlerwohnungen) in der Innenstadt beschränkte. Ohne es ausdrücklich festzustellen, sagte es etwas über die soziale Schicht aus, der das Kunstpublikum entstammte. Gleichwohl behauptete Haacke lediglich Informationsstrukturen darzulegen und es dem Zuschauer zu überlassen, seine Schlüsse daraus zu ziehen. Die Folge war, daß er, beginnend mit der berüchtigten 'Guggenheim-Affäre' von 1971, wiederholt von größeren Museen zurückgewiesen wurde. Die Projekte Shapolsky et al. Manhattan Real Estate Holdings, a Real Time Social System und Sol Goldman and Alex DiLorenzo Manhattan Real Estate Holdings, a Real Time Social System bestanden aus Kartierungen des Immobilienbesitzes der beiden Eigentümer, Shapolsky und Goldman, in Manhattan, die zeigten, daß der eine hauptsächlich mit Slum-Eigentum handelte, während der andere die größte Anhäufung von Immobilien auf sich vereinigte.[161]

Kunst als Informationssystem

1970 lud Jack Burnham Hans Haacke zur Teilnahme an der Software-Ausstellung ein. Er hatte Computer-Programmierer des M.I.T. gewonnen, das Programm für sein Visitors' Profile zu schreiben. Jedem Besucher wurde eine Anzahl Fragen vorgelegt, die sich auf seinen oder ihren Stand bezogen. Mit der Eingabe eines selbstgewählten Identifikations-Codes begann die Interaktion mit dem Rechner. Der Computer stellte die Antworten zusammen, verglich sie mit der Information, die er von anderen Besuchern erhalten hatte und korrelierte die Daten, die für eine statische Auswertung von Bedeutung waren. Am Ausgang der Ausstellung druckte ein Fernschreiber die verarbeitete Information in Gestalt einer Statistik aus. Zur gleichen Zeit projezierte eine closed-circuit Fernsehinstallation die ständig wechselnden Daten auf eine Großbildwand, um sie einer großen Anzahl von Leuten vorzustellen. Aufgrund ihrer eigenen Information entstand nach und nach eine Art statistisches Profil der Ausstellungsbesucher.[162]
    Zu diesem Zeitpunkt war Haacke von den Versuchen mit natürlichen Systemen zu sozialen Systemen übergegangen. Die 'Umfragen', die er als Kunstwerke vorstellte, waren noch immer als Systemstrukturen interpretierbar. In ihnen verband sich die Struktur der Kunst (intern) mit einer sozialen (Galerie-/Museumsbesucher) Struktur (extern). Sie stellten Offene Kunstwerke, works in progress, dar, die im Laufe der Ausstellung entstanden und von den Besuchern bzw. Teilnehmern im Rahmen eines offenen Systems geschaffen wurden. Dennoch verwandte Hans Haacke für Visitors' Profile nicht mehr die herkömmlichen Fragebogen, die am Ende in Statistiken übersetzt wurden; vielmehr benutzte er die neuen, elektronischen Datenverarbeitungsmöglichkeiten, um ein, wie er es nannte, Informationssystem zu erzeugen. Darüberhinaus wurde das Rechnernetzwerk als Realzeit-System eingerichtet. Darin drückte sich Jack Burnhams Interesse an den Weiterungen des Computers aus, die er beispielhaft in seiner Ausstellung demonstrieren wollte. Die Bedeutung dieser Ausstellung lag nicht so sehr in der Tatsache, daß es die erste dieser Art war. Ihr Thema war vielmehr die Schaffung eines neuen operationellen und funktionellen Rahmens für die Bildende Kunst und das Überschreiten der 'klassischen' Grenzen in einen Bereich, der gerade dabei war, sich mit voller Kraft zu entfalten: die Computertechnologie bzw. die Informations- und Datenverarbeitung.
    Burnham stellte die Kommunikations- und Übertragungs-Gesichtspunkte des Computers heraus und ihre Bedeutung als Apparatur, die den Übergang vom Kunstwerk als Einweg-Kommunikationssystem zu einem Zweiweg-Austauschverfahren zwischen dem Beobachter und dem beobachteten Werk ermöglicht. Darin war die Vorstellung ausgedrückt, daß der Zuschauer aktiv am Kunst-Werk teilnehmen kann, wie man ihm in Gestalt von Hans Haackes Visitors' Polls begegnet. Die Begrifflichkeit, die Burnham verwandte, um dieses Kommunikationssystem zu beschreiben und zu deuten, war der Kybernetik entnommen.

Der Künstler als Sozialwissenschaftler

Hans Haacke war immer sehr deutlich, was den Daseinsgrund seiner Arbeiten betraf. Sie wurden als Kunstwerke geschaffen, um einzig innerhalb der Kunstwelt zu funktionieren und wurden innerhalb des Kunstzusammenhangs gezeigt. Selbst wenn seine Methoden vielfach denen des Sozialwissenschaftlers glichen, gab Haacke niemals vor, einer zu sein. Nichtsdestoweniger hat er immer von zusätzlichen interpretierenden Kommentaren Abstand genommen, seien sie symbolisch, metaphorisch, ästhetisch oder sogar persönlich. Er zog das Faktische vor, das in eine Form gekleidet war,  in denen uns üblicherweise Daten vermittelt werden - ein Ansatz, der die Verführung des Zuschauers durch den Überschuß oder ästhetischen Wert des Kunstwerk verbot. Vielen Kritikern fiel es schwer, Haackes Besucherbefragungen und andere Untersuchungen der Machtstrukturen in der Kunstwelt gutzuheißen. Tatsächlich machte es Haackes Art zu schreiben es den Kritikern und Forschern nahezu unmöglich, das Systemvokabular zu umgehen. Wenn es darum ging, sein Werk in einen Kunstzusammenhang zu stellen, griff man dennoch zu Kriterien wie Schönheit und Haacke wurde oft dafür kritisiert, daß er kein ästhetisches Wohlgefallen erzeugte. Warum war das Kunst, wenn es die faktische Information nicht auf eine andere Ebene hob?
    Aus diesem Grund hatte die Vorstellung der genauen Information ohne weiteren Kommentar oder Verschönerung zahlreiche Gegner, nicht allein unter Kritikern sondern auch unter Organisatoren und Kuratoren. In kritischen Besprechungen, in denen ein Vergleich zwischen Haackes Ansatz und wissenschaftlichen Methoden gezogen wurde, beurteilte man die Arbeit des Künstlers als weder das eine noch das andere. Es gab einige ernstzunehmende Versuche, Haackes Arbeit mit demjenigen des Sozialwissenschaftlers zu vergleichen. Dabei lohnt sich ein Blick auf dem Essay der Sozialwissenschaftler Howard Becker und John Walton, der ein Licht auf die Art und Weise wirft, wie sein Werk von Wissenschaftlern einer anderen Fachrichtung analysiert wird und welche Gesichtspunkte dabei zur Anwendung kommen. Während sie von der Annahme ausgehen, daß Hans Haackes Untersuchungen soziologische Studien sind, zur besseren Einsicht in die "Vernetzung der Beziehungen, wodurch Macht in der Kunstwelt ausgeübt wird und in die soziale, ökonomische und politische Grundlage dieser Macht" und indem sie seine Forschung in den Rahmen der Gesellschaftstheorie stellen, kommen die Autoren zu dem Ergebnis, daß "selbst wenn einige von Haackes Vorgehensweisen amateurhaft oder unzureichend nach den Maßstäben einer annehmbaren Sozialwissenschaft erscheinen" mögen, "seine Ergebnisse vertrauenswürdig und annehmbar nach soziologischen Maßstäben[sind]. Wie viele gute Soziologen hat er das Phänomen, das er studiert, im Zusammenhang eines Systems gesehen. ... Die Erkenntnisse einer jeden einzelnen Untersuchung beruhen auf den Erkenntnissen aller anderen Arbeiten, die sie verstärken, so daß die Analyse des Systems, als ganzes betrachtet, glaubhafter ist als ein jeglicher Ausschnitt der Erkenntnis es jemals sein könnte."[163]
    Aus der Sicht der Autoren entsprachen die Unterschiede zwischen Haackes Untersuchungen und denen des Soziologen dem Umstand, daß Hans Haacke in der Welt arbeitet, die er untersucht, im Gegensatz zum Wissenschaftler, der sich im Allgemeinen mit Problemen außerhalb seiner oder ihrer täglichen Umgebung befaßt, so daß die Trennung ausreicht, um jene Angriffspunkte zu vermeiden, wie sie die Arbeiten Haackes bieten. Als Grund dafür, warum das Werk solche Reaktionen hervorruft, führen sie an, daß Haacke in der Kunstwelt arbeitet und nicht in der Welt der Wissenschaft. Die Motive seine Werks sind nicht-wissenschaftlich. Übereinstimmend stellen sie fest, daß sein Ansatz nicht von vornherein als oberflächlich erscheint, weil er die komplexen Probleme und Themen, die unmittelbar mit den komplexen Strukturen unserer westlichen Gesellschaft verbunden sind, gezielt und methodisch angeht.
    In kritischen und wissenschaftlichen Interpretationen hat man seit den frühen achtziger Jahren eine neue Stellung bezogen. Eine neue Generation der Kunstpublizisten und -wissenschaftler hat sich in den Vereinigten Staaten hervorgetan. Diese Generation kennt sich nicht nur in Marxismus und der Frankfurter Schule aus; sie wird auch von den Schulen der neuen Französischen Philosophie von Claude Lévy-Strauss bis Roland Barthes beeinflußt. Ihre Vertreter, Michel Foucault, Georges Bataille, Jean-Francois Lyotard, Jean Baudrillard und andere wurden ins Englische übersetzt und üben großen Einfluß auf die akademischen Kreise aus. Insbesondre Jean Baudrillards Idee des Simulakrum ist in die amerikanische ästhetische Theorie der Bildenden Kunst durchgesickert. Ihr Einfluß auf Autoren wie Benjamin Buchloh oder Fredric Jameson ist offensichtlich und wird offen anerkannt.[164] Haacke selbst scheint von diesen Philosophien wenig berührt zu sein. Seine Schriften geben wenig Hinweise auf die sogenannten postmodernen Theorien. Während Haacke seine frühen System-Arbeiten als angewandte Form der Systemtheorie versteht, in Übereinstimmung mit der wissenschaftlichen und kritischen Analyse des Werks, denn beide gebrauchten die gleichen Untersuchungsmethoden und Sprache, läßt die derzeitige Interpretation seiner Installationen eine solche 'symbiotische' Beziehung nicht erkennen. Das mag darauf zurückzuführen sein, daß die Ziele dieser Philosophien meta-philosophischer Natur sind. Diskutiert wird nicht so sehr die Kunst oder der Kunstgegenstand als solcher, sondern seine Wirkung oder Aufnahme, d.h. ihre Folgen in der sogenannten postmodernen Kultur.

Fortgesetzte Kontroverse

In vielfacher Hinsicht entsprach Haackes Entwicklung als Künstler der Entwicklung jener Jahre. Er nahm an der wesentlichen Verschiebung teil, die in der Kunst der sechziger Jahre stattfand und neue formale und ästhetische Untersuchungen zum Gegenstand und die Überschreitung der Grenzen der Kunst zum Ziel hatte. Hans Haacke hat diese Forschung auf dem Gebiet der kulturellen Bedeutung des Kunstobjekts innerhalb der politischen, sozialen und ökonomischen Systemen fortgesetzt, die als wichtige Kräfte in den institutionellen Strukturen der Kunstwelt wirksam sind. Seine Analysen konzentrierten sich mehr auf einen Punkt und wurden zugleich komplexer, obwohl sein Vorgehen sich im Grundsatz nicht verändert hat. Bis in die achtziger Jahre hinein gaben Haackes Vorschläge und Projekte Anlaß für Protest von Seiten der Museen und Einrichtungen, die ihn einluden. Haacke hat immer wieder die Beziehungen zwischen der Welt der Kunst und der Welt des Geschäfts aufgezeigt. Seine Installationen bringen Daten hervor, die für die Gastgeber unangenehm sind und die vorzugsweise der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Multinationale Großunternehmen wie Mobil, Allied Chemical oder Philips waren Gegenstand peinlichster Untersuchungen ihrer Produkte, Märkte, Medienstrategien, möglicher Verbindungen mit Militär- oder anderen totalitären Herrschern, Umweltverschmutzungs- und Abfallpraktiken. Bekannte Sammler wie Peter Ludwig und Saatchi & Saatchi sind seinem wachsamen Auge nicht entgangen. Im allgemeinen steht sein Gegenstand im Zusammenhang mit dem Ort der Ausstellung. Seine Schriften und seine Kunst gehören zusammen, stellen faktische Information heraus über die Machtausübung und wie sie innerhalb der Verflechtungen von Gesellschaft, Wirtschaft und Kunst funktionieren.[165]
    Der Weg, den er verfolgt, ist in gewissem Sinne eine Fortsetzung des Systemansatzes, wie ihn Jack Burnham vertrat, selbst wenn dieser Ansatz theoretisch in der Kunstkritik und in der kunsthistorischen Forschung nicht weiter verfolgt wird. Die verschiedenen Elemente, die das gesamte Werk ausmachen, bilden eine vielschichtige Situation, die den Vergleich mit einem System aufeinander bezogener Teile nahelegen, im Gegensatz zu einem einzelnen, unabhängigen Kunstgegenstand. Die Beziehung zwischen dem Werk und den ihn umgebenden Raums als seiner 'Umwelt' schließt die Einführung eines Kontextes ein und läßt es  als "Gefüge von Beziehungen" wirken, die alle betrachtet werden müssen, um die Bedeutung des Ganzen zu erfassen, wobei die Teilnahme des Zuschauers gefragt ist.
    Haacke: "Ich habe meine Arbeiten oft in Hinblick auf den besonderen Zusammenhang entwickelt, in dem sie ausgestellt werden. Die gesellschaftliche und politische Umgebung, die symbolische Bedeutung - bisweilen auch die architektonische Eigenart des Ortes - spielen eine wesentliche Rolle. Sie sind für mich Materialien, ebenso wie die physischen Elemente, die ich verwende. ... In den Einrichtungen der Kunstwelt, wie in anderen Zweigen der Bewußtseinsindustrie, von dem es ein Teil ist, finden Verhandlungen über die Art und Weise statt, wie wir über uns denken, über die Welt und über unsere gesellschaftlichen Beziehungen. Es ist unerheblich, ob die Verhandlungspartner sich dessen bewußt sind und verstehen, was auf dem Spiel steht. Die Kunstwelt ist ein Ort symbolischer und infolgedessen auch politischer Macht."[166]
Fortsetzung...