| M.J.M. Bijvoet: Kunst-Forschung | 0 | Einleitung | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | Schluß | Quellen | |
Kapitel 6Öffentlichkeit und Umwelt |
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Die folgenden Schritte |
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Es gab eine Gruppe von Künstlern, deren Wege sich dort kreuzten, wo Robert Smithsons Projekte standen und die ihm nachfolgten. Der Welle der großen Erdarbeiten folgte der Auszug vieler Künstler, die zahlreiche kleinere, unbeständige Werke schufen. Galerien und Museen, die auf den Zug der neuen Richtung aufsprangen, luden sie ein, speziell auf den Ort eines Museumsgeländes, eines Universitätscampus oder eines Stadtparks hin angelegte Arbeiten von beschränkter Dauer für Ausstellungen herzustellen. Ihre Zahl stieg nach seit Earth Art
(Ithaca, N.Y., 1969) und When Attitudes Become Form (Bern, 1969)
beträchtlich an und war ab 1975 so groß, daß man sie unmöglich
alle aufzählen kann. Sonsbeek (Arnheim, 1970-71) bildete unter
den Ausstellungen insofern eine Ausnahme, als man die Künstler um
ständige Arbeiten bat. Infolgedessen sind Robert Smithsons Broken
Circle/Spiral Hill (Emmen. NL) und Robert Morris' Observatory
(wiederhergestellt im Östlichen Flevoland, NL) noch
stets - und mittlerweile
als Wahrzeichen - gegenwärtig. Observatory erscheint wie eine
große Erd-Skulptur ohne wirklichen Bezug zu einem bestimmten Ort.
Es besteht aus zwei Erdringen mit fünf Sektoren, zwei 'Kanälen'
und vier Einschnitten, von denen zwei in einer Reihe mit V-förmigen
Kerben des äußeren Rings stehen und auf den Sonnenaufgang der
Sommer- und Wintersonnenwende ausgerichtet sind. Um diese Erfahrung nachzuvollziehen,
muß man den Ort zu den entsprechenden Zeiten aufsuchen. Was die Beziehung
zu den alten Observatorien betrifft, stellte Morris fest: "Die umfassende
Erfahrung meines Werk entspringt den architektonischen Komplexen der Steinzeit
und des Orients. Einfassungen, Höfe, Wege, Sichtachsen, veränderliche
Winkel usw. sorgen für eine physische Erfahrung des beweglichen menschlichen
Körpers durch das Werk. ... Der zeitbezogene Brennpunkt der Arbeit
- die Markierung der vier jährlichen Sonnenaufgänge oder Wechsel
der Jahreszeiten - erhebt es über eine einfache, dekorative Raumanordnung."[194]
In gewisser Weise stehen diese Arbeiten am Anfang der Entwicklung einer
neuen öffentlichen Skulptur.
Bald darauf verschob sich die Bedeutung des Begriffs Environmental Art. Sie schloß fortan jegliche auf den Ort bezogene Tätigkeit ein. Andere Definitionen wie 'Kunst auf dem Land', 'Öffentliche Skulptur', 'Öffentliche Kunst', 'Kunst im öffentlichen Raum' usw. folgten. Seit den siebziger Jahren trat an die Stelle der großen Erdarbeiten eine andere Art des Umgangs mit natürlichen Quellen und Wachstumsprozessen der Erde, ob es sich dabei um den kleinen Hinterhof oder den kleinen Streifen vor der Haustür handelte. Diese Tätigkeiten ähnelten oftmals kleinen Landwirtschafts- und Gärtnereiprojekten oder persönlichen und privaten Ritualen in der Natur. Kalifornische Künstler stellten Versuche in der Wüste an. Andere, wie Charles Simonds, wählten die städtische Umgebung. Insbesondere weibliche Künstler verwandten natürliche Elemente und Wachstumsprozesse als Mittel der Identfikation für die Suche einer neuen Verbindung des Körpers mit der Erde. Einige der Außenarbeiten von Michelle Stuart aus jener Periode beispielsweise zeigen Ähnlichkeit mit Konfigurationen aus Fundsteinen und stellen ansonsten unauffällige Tätigkeiten dar. Wenige Projekte gelangten dabei über die Suche nach dem Selbst hinaus, so wichtig sie auch für die Entwicklung der feministischen Bewegung und dem neuen Selbstbewußtsein der Künstlerin gewesen sein mögen.[195] Ein Beispiel, das sowohl Umwelt- als auch soziale Gesichtspunkte vereinigt, war The Farm, auch Crossroads Community genannt, das auf einigen Hektar Brachland inmitten einer Autobahnkreuzung angelegt und 1974 von Bonnie Sherk in der Absicht gegründet wurde, ein städtisches Bauernhof-Modell zu schaffen, um Stadtbewohner mit der Natur in Kontakt zu bringen. Es bestand bis 1984 und wurde zu einem Zentrum für zahlreiche kulturelle, politische und Bildungsveranstaltungen. Sherk bemerkt: "Die Farm ist ein soziales Kunstwerk. Ich betrachte sie als eine lebensgroße Umwelt-Performance-Skulptur mit verschiedenen Bedeutungsebenen, Metaphern und aktuellen Situationen. Für mich ist sie Kunst, aber auch etwas, das die auseinanderstrebenden Bereiche der Kunst und Literatur, der Erziehung, des Gemeinschaftsdienstes, der öffentlichen Gesundheit, der Umwelt, der Stadtplanung, der örtlichen Politik und der Immobilien verbindet."[196] Im Allgemeinen erscheinen die gewählten Formen jedoch aus heutiger Sicht nicht so überraschend neu. Sie wecken Erinnerungen Architektur des Altertums, an Observatorien und Anlagen wie Stonehenge. Vielen Arbeiten liegen geometrische Anordnungen von Kreisen und Spiralen zugrunde. Ebenso fühlen sich Künstler oft von Labyrinthen angezogen.[197] Häufig besaßen die Performances rituelle Eigenschaften. Das Werk einer anderen Gruppe von Künstlern regte die Entwicklung einer neuen Art von öffentlicher Skulptur an - Art in Public Places, wie Robert Irwin es nannte. Diese Künstler begannen in und mit der Umwelt zu arbeiten, um einen Wandel hinsichtlich der Aufgaben der Kunst als Teil der Umwelt und ihres Schöpfers herbeizuführen, der der wirklichen Welt (der Öffentlichkeit) angehört. Die betreffenden Künstler suchten auch eine andere Einstellung gegenüber Natur und Gesellschaft, nach einer, um einen gängigen Begriff zu verwenden, Bewußtseinsveränderung. Insofern richtete sich das Versprechen, auf dem Land an weit auseinanderliegenden Orten mit den Grenzen der Kunst zu brechen, an die Umwelt und und unsere Beziehung zu ihr; an die ökologische, gesellschaftliche und politische Verantwortung. Das verlangte sowohl nach einer neuen Produktions- und Darstellungsweise, als auch nach einem anderen Verständnis von Wirklichkeit. Bislang haben sich wenige Künstler für diese Richtung, die allgemein unter Öffentliche Skulptur firmiert, entschieden. Um ihre Entstehungsgeschichte zu zeigen, die über das Gebiet der Kunst im engeren Sinn in andere Disziplinen der Wissenschaft und Technik ausgreift, erörtern die folgenden Kapitel die Werke einiger ausgewählter Vertreter dieser Geschichte, deren Laufbahn zu jener Zeit begann und die ihre Arbeit und ihre Untersuchungen in dieser Richtung fortgesetzt haben. Zu ihnen gehören Helen und Newton Harrison, Nancy Holt, Robert Irwin, James Turrell und Alan Sonfist. |
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James Turrell: Himmelsvisionen |
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Wahrnehmungsräume |
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Nach Robert Smithsons Spiral Jetty
schickt sich der Roden Crater an,
die nächstbekannteste zeitgenössische 'Erdarbeit' der westlichen
Hemisphäre zu werden. Selten hat ein Vorhaben vor seiner Fertigstellung
durch die Ausstellung von Zeichnungen, Modellen und Karten, durch Veröffentlichungen
in Kunstzeitschriften und Nachrichtenmagazinen so viel Aufmerksamkeit auf
sich gelenkt. In der Nähe von Flagstaff in Arizona gelegen,
ist der Krater leichter erreichbar als die früheren Erdarbeiten, wenngleich
er weit genug von der 'Zivilisation' abgelegen ist, so daß der Weg
dorthin eine Willensanstrengung verlangt. 1974 begann Turrell mit der Suche
nach diesem Platz, der seinen Vorstellungen und den Erfordernissen seines
Vorhaben entsprach. Der Besitz eines Pilotenscheins erleichterte ihm die
Erkundung, die ihn über fast sämtliche westlichen Regionen der
Vereinigten Staaten von den westlichen Rocky Mountains bis zu den südlichen
Wüstengebieten führte, bevor er sich für den Krater entschied,
den er 1977 erwarb. Schon 1979 begannen die Bauarbeiten 1979 mit Unterstützung
der DIA Art Foundation, öffentlichen Stiftungen (National Endowment
for the Arts) und privaten Förderern. Ihr Abschluß sollte in
den 90er Jahren sein. Wie Christo hat auch Turrell durch den Verkauf von
Zeichnungen, Photographien und Karten zur Finanzierung beigetragen. Nach
Aussage des Künstlers entstand die Idee 1972 aus seiner Beschäftigung
mit Licht in den späten sechzigern heraus. Nachdem der Plan in den
frühen siebziger Jahren gereift und der Grund erworben war, entwickelte
sich das Projekt zu einem regelrechten Lebenswerk, das über die Jahre
zunehmend größere Ausmaße annahm und an Vielschichtigkeit
gewann.
Der in Los Angeles gebürtige Künstler James Turrell machte sich in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren einen Namen mit Lichtinstallationen.[198] In der Absicht, sich vom unmittelbaren Gebrauch des Lichts zu lösen, begann Turrell, räumliche Umgebungen ohne sichtbare Gegenstände zu schaffen, die gleichwohl eine spürbare physische Gegenwart besaßen. Mittels Lichtprojektionen von fluoreszierendem Licht und mit Strahlern warf er ein Bild an die Wand, das aus der Entfernung dreidimensionale Eigenschaften
annahm. Dieses Bild löste sich erst in 'Licht auf der Wand' auf, wenn
der Betrachter sich der Wand näherte. Diese Projection
Pieces (1966-68) entwickelten sich zu Arbeiten, die architektonischen
Raum einbezogen, der den Besucher umgab. In den folgenden Stücken
mit dem Titel Shallow Space Constructions (1968-69) ließ der
Künstler eine zweite Wand vor der Rückwand errichten, so daß
an allen vier Seiten ein wenig Raum übrigblieb. Wurde die Wand von
der Rückseite beleuchtet, schien es, als würde die Trennungsmauer
schweben.
1968 lud Maurice Tuchman James Turrell zusammen mit dem Künstler Robert Irwin und dem Experimentalpsychologen Ed Wortz, Leiter des Life Science Department am Garrett Airesearch, zur Teilnahme am Art & Technology Program (1967-1971) ein. Robert Irwin, der zu jener Zeit noch malte, beschäftigte sich auf intuitive Weise mit Wahrnehmungspsychologie und Turrell trug dank einer umfassenden psychologischen Ausbildung am Pomona College experimentelle Methodik zum Projekt bei. Wortz' Forschung fortschte auf dem Gebiet der menschlichen Wahrnehmungsreaktion unter besonderen Bedingungen, wie sie etwa in der Raumfahrt und auf astronautischen Mondwanderungen gegean sind. Das Garrett Life Sciences Department war an der Entwicklung von lebenserhaltenden Systemen für den bemannten Raumflug beteiligt. Der 'Report on the Art and Technology Program' legt in Einzelheiten die Entwicklung des Projekts dar. Turrell, Irwin und Wortz begannen ihre Zusammenarbeit mit einer Serie versuchsweiser Erforschungen in die Natur der Wahrnehmung. Ihre Forschung umfaßte die Reaktion einer Person auf Isolation in einem völlig dunklen, geräuschfreien Raum zu bestimmten Zeiten, die Beziehung zwischen Laut- und Farbwahrnehmung, wobei der Erforschung der ganzfields und dem Gebiet der Alpha-Konditionierung grundsätzliche Bedeutung zukam. Turrell zog sich im August 1969 aus dem Projekt zurück. Irwin und Wortz setzten ihre Zusammenarbeit fort, die zu einem Symposium als Beitrag zum Art & Technology Program führte. Unter dem Titel First National Symposium on Habitability for Long Term Space Travel and Space Stations behandelte die von der NASA gefördertere Fachtagung allgemeine Phänomene der Eingewöhnung. Dabei wurden Hypothesen über die Gewöhnung unter den Bedingungen des Weltraums und die Gestaltung außerirdischer Strukturen aufgestellt.[199] Ungeachtet seines Ausscheidens aus dem Programm setzte Turrell die Ganz field-Forschung fort. Daraus resultierte eine Serie von "Space Division Constructions" wie Avaar (1976) und "Ganzfield Pieces" wie The City of Arhirit(1976).[200] Letztere bestand aus vier aufeinanderfolgenden Räumen für das Stedelijk Museum in Amsterdam. Ein Ganz field ist ein Raum, in dem die Unterscheidungsfähigkeit von Formen von einem homogenen Farbfeld aufgehoben wird. Hierfür wurde ein Raum durch eine Wand, in der sich eine eine rechteckige Öffnung in Form eines Fensters befand, in zwei Teile geteilt. Beleuchtet wurde der Raum, in den man hineinschaute, durch das Licht, das von dem äußeren Raum reflektiert wurde. Auf diese Weise entstand ein überaus homogenes, gleichmäßig verteiltes Umgebungslicht, das wie ein grün-grauer bis grau-blauer Nebel den hinteren Raum, bzw. die Öffnung des Fensters erfüllte. Diese halbdurchsichtige Oberfläche wich erst langsam zurück, wenn der Zuschauer sich der Trennwand näherte. Aus der Nähe stellte sich die Raumwahrnehmung des Raums hinter dem Fenster wieder ein, ohne daß man mit Sicherheit die Größe oder Ausdehnung hätte bestimmen können. |
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Roden Crater |
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Das Roden Crater-Projekt ist
die Fortsetzung dieser Untersuchungen im großen Rahmen. Sein Zeil
ist es, die mannigfaltigen Erscheinungen sichtbar zu machen, die sich am
Himmel ereignen, ohne daß wir ihrer unter normalen Bedingungen gewahr
werden. Das umfassende Thema des Werks ist die Schärfung der Wahrnehmung
der sinnlichen Eigenschaften des Lichts am Tage und bei Nacht über
das ganze Jahr und größere Zeiträume hinweg. Um diese Seiten
herauszuarbeiten, stützt sich Turrell auf umfangreiche Systeme voneinander
abhängiger Erscheinungen am Himmel und auf der Erde, Eigenschaften
des Kraters selbst und seiner unmittelbaren Umgebung, die unter dem Einfluß
der jahreszeitlichen, täglichen und jährlichen Zyklen stehen;
Eigenschaften des Himmels und seines Lichts und ihr zufälliger Wandel
durch unvorhersagbares Wetter oder aufgrund der willkürlichen Muster
der Sonneneruptionen oder der Sterne. Die wissenschaftlichen Daten müssen
zusammengetragen und miteinander verbunden werden, um die Räume so
zu errichten, daß sie das Licht beeinflussen, damit der Zuschauer-Teilnehmer
solch ephemere Ereignisse erfährt, wie die aurora borealis. Die aurora
borealis ist ein rötlicher Lichtschein am nördlichen Himmel,
nur während intensiver atmospherischer Sonnenstürmen zu sehen,
die kurz nach großen Ausbrüchen als Ergebnis einer Wechselwirkung
zwischen der Erd- und der Sonnenatmosphäre stattfinden.[201] Die Senke des Kraters selbst lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die Erscheinung des Himmelsgewölbes. Zu diesem Zweck wird eine Reihe miteinander verbundener Kammern - elf an der Zahl - geben, von denen eine jede eine eigene Wahrnehmungseigenschaft besitzt, beispielsweise ein ganzfield. Darüberhinaus werden die Räume so aneinandergereiht, daß einige astronomische Ereignisse wie die Winter- und Sommersonnenwende ein- oder zweimal im Jahr erlebt werden können. Während der Wintersonnenwende beispielsweise scheint das Licht durch drei Räume hindurch direkt auf die Rückwand des dritten Raumes. Die Ausrichtung des Mondes ist gleichfalls berechnet worden, findet aber nur einmal alle 18,61 Jahre statt, entsprechend der Periode des lunaren Regressionszyklus. Nach der Fertigstellung wird der Roden Crater eine Vielzahl sowohl räumlicher als auch zeitlicher Wahrnehmungserfahrungen erschließen. Sogar der Besuch der Anlage zu verschiedenen Gelegenheiten bietet dem Besucher unterschiedliche Erfahrungen, nicht allein, weil sich das Licht verändert, sondern auch, weil die physische und geistige Disposition wechselt, die die Wahrnehmungserfahrung beeinflußt. Turrell beschreibt dieses Werk als "Arbeiten mit Licht in einem Raum, so daß das Licht in ihm greifbar gegenwärtig zu sein und den Raum anzufüllen scheint. Im Roden Crater arbeite ich mit einer Reihe von Räumen, die das Licht aus verschiedenen Anteilen des Himmels auswählen. Die Wirkungen dieses Lichts wird gewisse 'Atmospheren' in den Räumen innerhalb des Kraters schaffen. Diese Bezirke innerhalb des Kraters werden auf unterschiedliche Weise des Nachts auf das Licht vom Himmel reagieren. Von daher gibt es zwei Betrachtungsweisen, solche des Tags und solche der Nacht. Meine Lichtquellen beschränken sich auf das Sonnen-, das Mond- und das Sternenlicht. und, selbstredend, die Widerspiegelungen des Materials wie Sand oder Schnee oder Dinge, die mit den Jahreszeiten wechseln. Ich beziehe das Licht in den Raum der Vorstellungen ein. Die Ereignisse der Vorstellung sind wie ein synkopierter Rhythmus, der vom Himmel kommt."[202] Wenn der Künstler in dieser Form über sein Werk spricht, erscheint es wie eine Dichotomie aus rein wissenschaftlicher Forschung, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen, einerseits, und der emphatischen Betonung der intuitiven, gefühlvollen Erfahrungen andererseits, die seinem Ansatz zueigen sind. Gewiß verfolgt das Werk keinen wissenschaftlichen Zweck. Man möchte hinzufügen: sowenig, wie es letztlich ein klassisches Kunstwerk ist - bestünde nicht der Künstler darauf, daß er im Roden Crater keine Wissenschaft betriebt, es sich um ein von der Bewegung der Sonne, des Mondes und den Sternen angetriebenes Kunstwerk handelt. das wird. Dennoch teilt er mit dem Wissenschaftler ein gewisses methodologisches Vorgehen und wäre zumindest ohne wissenschaftliche und technische Forschung und die Hilfe der Astronomie, der Geologie, der Topologie, der Klimatologie, usw., nie mit seiner Arbeit dorthin vorangekommen, wo er sich befindet. Für die astronomische Seite standen ihm E.C.Krupp, der Director des Griffith Observatory in Los Angeles und Richard Walker, Astronom am U.S. Naval Observatory in Flagstaff zur Seite.[203] Die Projekte schließen umfangreiche fachübergreifende Forschungen ein, um genaue Pläne mit geographischen Daten innerhalb des Kraters zu erhalten, die topologischen Maße des Ortes, die jahreszeitlichen biologischen Abläufe, Einblick in das Entwässerungssystem des Krater und die meteorologischen Voraussetzungen der Gegend, astrophysikalische Daten zur Stellung der Sonne oder dem Mond an einem bestimmten Tag usw. Die wachsende Sorge von der Seite der Umweltschützer, die eine Störung des feinen Gleichwichts der Wüste vermeiden wollten, fand ebenfalls ihren Niederschlag in der Arbeit. Gleichwohl zielt die Absicht der gesammelten wissenschaftlichen Daten völlig auf die Untersuchung der Natur der Wahrnehmung von Himmelsphänomenen. Dadurch, daß die Wahrnehmungserfahrung zum einzigen 'Gegenstand' der Arbeit gemacht wird, verändert sich die besondere Beziehung zwischen dem Betrachter (Subjekt) und seinem Objekt (ein nicht-objektives sichtbares Phänomen, d.h. Wirklichkeit). James Turrell hat eine Erfahrung als wirklichen 'Gegenstand' geschaffen, der auch subjektiv gedeutet werden kann. Man kann sagen, daß diese Wirklichkeit nur in den Augen des Betrachters-Teilnehmers existiert. Wahrnehmungserfahrungen sind dafür bekannt, daß sie nur verhältnismäßig objektiv sind, d.h. was eine Person sieht, hängt teilweise davon ab, was er oder sie weiß und wie man sich einem Ding, einem Problem, einer Wirklichkeit annähert. Gewollt oder ungewollt erhebt sich die Frage nach der Objektivität der wissenschaftlichen Erfahrung, ein Problem, das in der (physikalisch dominierten) Wissenschaftstheorie des Zwanzigsten Jahrhunderts eine wachsende Rolle spielt. Zusammenfassend gesagt handelt es sich beim Roden Crater um ein methodologisch durchdachtes, interdisziplinäres Vorhaben, Ereignisse in Zeit und Raum innerhalb und zwischen verschiedenen Ebenen auf eine Weise zu verknüpfen, daß sie vom Besucher in ihrer Beziehung zur Umwelt als sowohl physische wie wahrnehmungspsychologische Erscheinungen erfahren werden. Dieses Erfahrungs'programm' läuft weder notwendigerweise chronologisch noch linear ab. Im Gegenteil, die Schichtung und Kombination von 'Ereignissen' oder Erfahrungen sollte als eine wechselseitig verbundene Reihe von Daten oder Gegebenheiten gedeutet werden, aus denen der Besucher seine eigenen 'Kompositionen' auswählt und herstellt. Selbst wenn einige von Turrells Äußerungen Anlaß geben, seinen Arbeiten religiöse oder esoterische Motive zu unterstellen, sind sie das nicht in erster Linie. James Turrell möchte das menschliche Bewußtsein für die Stellung der Erde im Universum schärfen, indem er gewisse Erscheinungen am Himmel sichtbar werden läßt, denen man normalerweise kaum Aufmerksamkeit schenkt. Nancy Holt versucht das gleiche. Künstler wie Turrell und Holt, deren interdisziplinäre Forschung und Arbeitsweise sie in Berührung mit aktuellen Entwicklungen in der Astrophysik bringen, wie z.B. die Erforschung galaktischer Erscheinungen, Schwarze Löcher, Rot- und Blauverschiebungen, teilen ein gemeinsames Interesse an den kosmischen Eigenschaften der Erde als ganzer, selbst wenn die Arbeiten selbst weder stilistische noch ikonographische Gemeinsamkeiten aufweisen .[204] Ihre beider Projekte erreichen einen hohen Grad an Komplexität sowohl hinsichtlich ihrer formalen, wahrnehmungsbezogenen, symbolischen, umweltrelevanten und wissenschaftlichen Vorarbeiten als auch in der Ausführung. Selbst wenn darin ein neues Interesse an der Tradition der 'Erdarbeiten' vergangener Kulturen erwacht, sind sie ebenso in der Forschung verwurzelt, deren aktuellen Stand sie repräsentieren. Daran ändert auch der Umstand nichts, daß sie sich bei ihrer Suche nach holistischen Weltsicht leiten lassen, die zwar wissenschaftstheoretisch schwer zu leugnen ist, in den Disziplinen aber immer noch eine Minderheitenmeinung darstellt. Im Verlauf der achtziger Jahre wuchs das Interesse an gesamtheitlichen Betrachtungen, die in Veröffentlichungen anerkannter Außenseiter wie Fritjof Capra, Gary Zukaw, Rupert Sheldrake oder David Bohm angestellt wurden, worin die neuere Modelle der Physik sich mit Gedanken der östlichen Philosophie verbanden. |
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Nancy Holt: Statt-Werke |
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Astrophysische Verbindungen |
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Nancy Holt begann ihre Künstlerinnen-Laufbahn als Photographin, bevor
sie sich in den frühen siebziger Jahren Film und Video zuwandte, um
schließlich von 1972 im natürlichen und im städtischen
Umfeld zu arbeiten. Das ist seither ihr Thema geblieben. Holt sah die Bedingungen
des Museums und der Gallerie als ungeeignet für ihre Arbeit
an.[205] Das erste permanente Werk der Künstlerin,
Sun Tunnels in der Wüste
von Utah (1973-76), besitzt noch stets die Eigenschaften einer skulpturalen
Erdarbeit: die große Konstruktion liegt in einer Wüstenlandschaft
abseits der kultivierten Regionen und ist schwer zu erreichen. Seither
hat sie ihre Werke in städtischen Umgebungen plaziert und die Beziehung
zwischen der Stätte (ob selbstgewählt oder aufgrund eines Auftrags)
und der Konstruktion ist stärker und komplexer geworden. Die jetzigen
Projekte umfassen Schichten von Elementen, die mit der Umwelt insgesamt
verbunden sind: die Kultur- und Naturgeschichte des Orts, seine gesellschaftliche
Nutzung und damit verbundene ökologische Belange. Ihr Interesse an
der Visualisierung astrophysischer Wechselbeziehungen zwischen dem Ort
des Werks und dem Sonnensystem bilden den Roten Faden.
Stone Enclosure: Rock Rings
(Western Washington University Grounds, Bellingham,
WA, 1977-1978) besteht aus einem inneren und einem äußeren Ring
aus Steinen (brauner Bergstein) der Region. In der Gestaltung der Ringe
finden sich formale Eigenschaften wie die Räumlichkeit der Löcher,
die entsprechend solchen Löchern gewisser Sterne angeordnet sind.
Holt hat ihr Werk selbst ausführlich beschrieben, weil sie es als
Teil ihrer Arbeit erachtet, Auskünfte zu erteilen, die zum besseren
Verständnis des Werks gebraucht werden: "Die vier Bögen in der
Arbeit sind an der Nord-Süd-Achse ausgerichtet, die anhand des Nordsterns,
Polaris, berechnet wird, ähnlich wie die Seeleute der Nordwestküste
den Kurs ihrer Schiffe aufzeichneten. Indem das Werk in einer Linie mit
dem Nordstern steht, bezieht es sich auf einen Punkt im Universum, auf
ein totes Zentrum, einen wahrhaftigen Norden. Das Werk wird dadurch an
die Erde geheftet. Die 12 Pole sind nach NO-SW, O-W, NW-SO ausgerichtet,
wodurch sie die Landschaft räumlich ausrichten und den Horizont auf
Mittelpunkt des Werks zurückführen. Die Löcher und Bögen
rahmen die Landschaft unter verschiedenen Gesichtspunkte. Der Teil eines
Berges, der Stamm und die Äste einer Fichte, ein Stück von der
Straße, ein Asphalt-Gehweg, dichte Wälder, eine kleine Knolle
bilden so eigene Blickpunkte. Ich habe die Aussichten ausgewählt,
indem ich einen kreisrunden Rahmen auf Augenhöhe befestigte. Dadurch,
daß ich sie auf verschiedene Richtungsachsen stellte, konnte ich
genau sehen, welche Aussicht ich erhalten würde. ... Rock Rings sollte
aus verschiedenen Blickwinkeln, von innen und von außen gesehen werden.
Die Arbeit verändert sich ständig in der Wahrnehmung, wenn ich
von einem Ort zum anderen gehe."[206] Der
Zuschauer, der sich in dem und über das Stück bewegt und einige
Zeit dort verbringt, sieht das wechselnde Licht während des Tages
oder die Konstellationen der Sterne in der Nacht.
Nancy Holt zog für ihre Installation einen Astrophysiker und einen Geologen für die Berechnungen zu Rate. Außerdem arbeitete sie an der Konstruktion drei Monate lang mit einem erfahrenen Steinmetz und Handwerker namens Al Poynter. Auf vergleichbare Weise strebte sie in Star-Crossed (Miami University Art Museum, Oxford OH, 1979-1981) durch die Erforschung der astrophysikalischen Beziehungen nach einer Beziehung zwischen den sichtbaren und - unter normalen Bedingungen - unsichtbaren Seiten des Orts. Holt bedient sich des Umstands, daß Oxford einer jener Orte in der Welt ist, wo der magnetische und der astronomische Norden übereinstimmen. Die Künstlerin gestaltete zwei Tunnel: einen kleinen entlang der Nord-Süd-Achse und einen großen in Richtung Ost-West. Ihr Schnittpunkt liegt auf einer erhobenen Rampe. Am Ende des kleinen Tunnels befindet sich ein ovales Becken. Dem Besucher, der die Rampe hinaufsteigt und durch den kleinen Tunnel schaut, erscheint das ovale Becken kreisrund. "Es paßt genau zum Blickfeld, das von dem runden Tunnel begrenzt wird... Wenn man in das Becken blickt, blickt man auch auf den Grund und sieht doch Baumspitzen, den Himmel, die Sterne - die Skulptur verkehrt die Welt", bemerkt Holt.[207] Indem sie die eine Wirklichkeit - den Himmel - durch Spiegelung und Brechung in den Blick rückt, verbindet sie beide Dimensionen in der Wahrnehmung des Betrachters. Obwohl ihr Ansatz von demjenigen James Turrells verschieden ist, gibt es Übereinstimmungen, was die Absicht angeht, die sie mit ihren Arbeiten verfolgen - nämlich, den Betrachter himmlische Erscheinungen sehen - und so für ihn erfahrbar werden - zu lassen. |
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Gestaltung eines städtischen Landschaftsparks |
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Im Verlauf des letzten Jahrzehnts hat sich das Gewicht in ihrer Arbeit
verschoben. Sie schließt nunmehr das ganze Spektrum der Außenthemen
ein, um die Situation des Orts zu reflektieren. Sie möchte beim Betrachter
das Bewußtsein von der Existenz größerer Zusammenhänge
wecken, an denen er beteiligt ist. Über die Jahre wurden die Projekte
größer und größer. Im gleichen Zug nahm die Komplexität
der Bedeutungsschichten zu.
Dark Star Park (Rosslyn, Virginia, 1979-1984) begann mit einer Einladung an Nancy Holt, eine 'Skulptur' in einem Park zu schaffen. Die Arbeit endete damit, daß sie die Rolle der Landschaftsarchitektin übernahm, die den ganzen Park gestaltete. Der Ort umfaßte einen Parkplatz, den Vorplatz eines Bürohauses, eine Verkehrsinsel an einer Kreuzung dreispuriger Straßen und einen kleinen Park, die alle ziemlich heruntergekommen aussahen. Der ausgewiesene Platz war schon Teil eines städtischen Sanierungsplanes. Wie gewöhnlich arbeitete Holt während der Vorbereitung mit den Stadtplanern zusammen und suchte die Unterstützung eines Astrophysikers. Sie vertiefte sich auch in die örtliche Geschichte und fand heraus, daß ein gewisser William Henry Ross am 1. August 1860 das Land gekauft hatte, das den Namen Rosslyn erhielt. Sie wählte fünf Kugeln, Gruppen von Pfählen und reflektierende Teiche, Tunnel und geschwungene Gehwege als Gestaltungselemente. In Anbetracht des Fußgänger- und Automobilverkehrs sind die Pfade, Treppen und Tunnel sowohl funktional als auch sozial interaktiv. Gleichwohl bezieht sich das Werk in besonderer Weise auf den Ort. Die Schatten, welche die Kugeln und die Pfähle werfen fügen, sich jeden ersten August um 9.32Uhr zu einem Muster, "um die geschichtliche Zeit mit der zyklischen der Sonne zu verschmelzen." .[208] Die verschiedenen Bestandteile sind so angeordnet, daß sich Wahrnehmungs- und Vorstellungsbilder vermischen. Beispielsweise scheint es, als gingen die Kugeln, abhängig vom Weg und Standort des Passanten, auf und unter. Geschichte und Zeit, Himmel und Sterne sind die vorherrschenden Motive der Arbeit. Der Betrachter nimmt sie zusammen mit der Umgebung als komplexes System buchstäblicher und geistiger Pfade wahr, über die wie durch Telegrafenleitungen Informationen zur Natur und zur inneren Anlage des Parks fließen |
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Sky Mound |
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Nancy Holts bislang umfassendste Arbeit ist Sky Mound, eine rund
20ha umfassende Deponie in den Feldern von Hackensack, New Jersey (1985-1994).
Die Hackensack Meadowland Commission stellte für ihren Auftrag US$600.000
bereit.[209] Bei Sky Mound handelt
es sich um eine Rekultivation mit dem Ziel, "eine beschädigte Landschaft
in einen lebensspendenden Ort zu verwandeln."[210]
Formal gesehen erinnert es an alte Observatorien, deren Mittelachse jährliche
Zyklen wie Sonnenwende und Mondzyklus sichtbar macht. Die Aufmerksamkeit
richtet sich dadurch auf die ursprüngliche Aufgabe antiker Einrichtungen
als Zentren astrophysischer Forschung von großem alltäglichen
Wert. Als "Kalender" schrieben sie den jährlichen Rhytmus des Lebens
vor; die Zeit der Aussaat und der Ernte. Die Hügel mit ihren Treppen
und Aussichtsebenen zur Beobachtung der Sterne erinnern an die Tradition
der Ureinwohner. Von einem zentralen Punkt strahlen Pfade aus, wie Licht
von der Sonne. Die Anordnung der Wege, Pfähle und Hügel erlauben
es dem Betrachter, die wechselnden Muster der nächtlichen Sterne und
andere Himmelserscheinungen zu beobachten.
Während Herbert Bayers Mill Creek Canyon Earthworks (Seattle, 1979-1982) einem Bachlauf und den Umrissen der umgebenden Berge und Wiesen folgt, um eine Umgebung zu schaffen, die den Erholungsbedürfnissen der Öffentlichkeit entspricht, wartet Nancy Holt mit zusätzlichen Ebenen symbolischer Bezüge auf, indem sie Wege, Erhebungen und Pfähle zu einem Spiegelbild anordnet, das fast spiegelbildlich die Himmelserscheinungen darstellt und anschaulich macht. Der Entwurf verbindet die irdischen Elemente mit 'himmlischen' oder 'kosmischen'. Die ökologischen Belange werden durch einen Teich dargestellt, der das Oberflächenwasser aufnimmt, der aber ebenso als Rückzugsgebiet für Vögel und anderes Wild dienen kann. In Erinnerung an die früheren Funktionen der Deponie brennt an den Ferienabenden eine Methangasflamme als Symbol für die Wiederverwertungsaufgaben des Sky Mound, der aus der Zusammenarbeit mit den Landschaftsarchitektinnen Cassandra Wilday und Katherine Weidel, dem Archäoastronom James Mavor, und anderen hervorgegangen ist. Nancy Holt arbeitet für gewöhnlich mit Astronomen, Geologen und Biologen zusammen, bei denen sie die notwendigen fachlichen Auskünfte einholt. Sie greift beim Aufbau auf Handwerker und Techniker zurück. Insofern ihr Projekt in den öffentlichen Zusammenhang gehört, hat sich durch ihre Arbeit im Freien ihre Rolle als Künstlerin bzw. Bildhauerin verändert. Die künstlerische Arbeit, als eine funktionale Art des künstlerischen Handelns zu verstanden, geht weit über das Aufstellen einer vorfabrizierten Skulptur hinaus. Den vielfältigen Aufgaben, die sich damit stellen, sind nicht viele Künstler gewachsen. |
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| Fortsetzung... |